Auf dem Boden – gegen die Wand gelehnt

Wer seine Bilder nur gegen die Wand lehnt, will vor allem eines zeigen: „Kunst gehört bei mir zum Leben.“

Wenn ein Bild in der Gegend herumsteht, kommt sicher gleich einer und hängt es auf – diese Regel gilt nicht mehr. Längst nämlich gibt es Menschen, die ihre Gemälde oder Fotos nicht mehr an einer ganz bestimmten Stelle präsentiert haben wollen. Stattdessen lehnen sie ihre Bilder, gerahmt oder ungerahmt, im Zehn- bis Zwanzig-Grad-Winkel gegen die Wand. Sie stehen dann lässig und locker auf dem Dielenboden oder einem Sideboard aus Teakholz und können jederzeit einen Tick nach links oder rechts geschoben werden. Klingt merkwürdig, hat aber Vorteile: Warum nämlich sollte man sich festlegen, in Zeiten, wo morgen schon wieder alles ganz anders sein kann?

(…) Hinstellen also, da muss man sich zwar bücken, um die Bilder anzuschauen, dafür ist man flexibel. Da Bilder aber längst auch in Ausstellungen und Privatwohnungen an die Wand gelehnt werden, muss noch etwas anderes dahinterstecken: Wer sein Bild nicht mehr exponiert, wer es scheinbar nachlässig gegen die Wand lehnt, will vor allem Routine und Selbstverständlichkeit im Umgang mit Kunst suggerieren: Das Ding kann ja eben erst angeliefert worden sein. Oder man war so beschäftigt, dass man seit einer Woche nicht dazu gekommen ist, es ordentlich an der Wand zu platzieren. Irgendwann lässt man es halt stehen – und gewöhnt sich dran.

Bilder an der Wand, das funktioniert wie eine temporäre Installation. Das Kunstwerk wird systematisch entwertet, indem ihm jede Aura genommen wird; wie ein alter Stuhl steht es im Zimmer herum, manchmal noch in Folie eingewickelt. Vielleicht lässt sich so sagen: Je flapsiger die Anordnung von Bildern – desto größer die Kennerschaft oder aber die Eitelkeit, die dahinterstecken.

Süddeutsche Zeitung 2011

Die profane Wahrheit ist: die aus der Druckerei gelieferten Befestigungen der Bilder waren zu schwach und nachdem schon mehrere Bilder durch Abstürze beschädigt wurden, haben wir uns für diese Form der Darstellung entschieden um weitere beschädigte Bilder zu vermeiden.

Hans-Peter Dorn